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Abi 2008: Fast Food statt Freiräume

Samstag, Mai 10th, 2008

 

Gedanken eines Journalisten und ehemaligen Abiturienten zum Abitur 2008

Ruhe bitte!

Seit September 2007 begleite ich eine Abiturklasse mit der Kamera, jetzt ist dieses Jahr bald vorbei, mit dem mündlichen Abitur am 16. Juni und der Aushändigung der Abitur-Zeugnisse am 20. Juni 2008. Das war und ist nicht nur ein reizvolles Filmprojekt , es hat mich auch immer wieder mit meinen eigenen Erfahrungen konfrontiert, schließlich habe ich das ja auch alles selbst hinter mir und noch einige Jahre Berufs- und Lebenserfahrung dazu.

Eine persönliche Frage kam ganz schnell auf, schon beim ersten Gespräch mit der Schule und den Schülerinnen und Schülern: Wie hätte ich wohl reagiert, wenn zu Beginn meines letzten Schuljahres ein Journalist zu uns gekommen wäre, um uns ein Jahr lang mit der Kamera zu beobachten?

Die Frage habe ich mir im Laufe der Dreharbeiten immer wieder gestellt, ohne sie wirklich beantworten zu können. Nur soviel: Ich hätte mich vermutlich schwer damit getan. Umso dankbarer bin ich dafür, dass mir die Schülerinnen und Schüler des Ludwig-Marum-Gymnasiums so offen begegnet sind.

Unsere Welt war damals noch nicht so von „Medien“ durchdrungen wie die Welt der heutigen „jungen Erwachsenen“, für die ICQ, Internet-Foren, Castings und YouTube selbstverständlich sind. Wir waren noch längst nicht erwachsen und wurden erst mit 21 Jahren volljährig. Wir gehörten zu den Gymnasiasten, „Ober-Schülern“, damit war unsere Rolle klar definiert und die Eltern hatten bei allem noch ein gehöriges Wort mitzusprechen.

 

Deutsch-Abi

 

Was ist heute anders?

Abiturienten heute sind einerseits noch „Schüler“ und andererseits schon volljährig. Das muss ja, salopp gesprochen, zu einer „Spaltung“ der Persönlichkeit führen. Bis weit in den Nachmittag sind sie „Schüler“, d.h. Abhängige. Ihnen wird gesagt, was sie zu tun oder zu lassen haben, wann sie anwesend sein müssen und in welchen Fächern sie sich zu qualifizieren haben. Am Abend, am Wochenende und in den Ferien sind sie „Erwachsene“, die selbst darüber entscheiden, was gut für sie ist. Sie leben in zwei Welten.

Wen wundert´s, daß die meisten Schülerinnen und Schüler, die ich kennengelernt habe, gelegentlich „multiple“ Persönlichkeiten sind, dass sie sich ganz unterschiedlich verhalten haben, je nachdem, ob ich ihnen in der Schule oder in der Freizeit begegnet bin: mal selbständig, mal angepasst, mal Individuum, mal Konformist. Was allerdings bei vielen Erwachsenen auch nicht so selten vorkommt.

Wen wundert´s, daß ihnen „Freizeit“ als das Reich der Freiheit erscheint, und „Schule“ als das Reich des Zwangs, daß fast alle die Schule nur als „notwendiges Übel“ ansehen.

Wen wundert´s, daß sich die meisten - in der Konsequenz daraus – der Schule gegenüber taktisch verhalten. Sie lernen, weil sie müssen, nicht weil sie wollen. Das soll´s früher übrigens auch schon gegeben haben.

Wen wundert´s, daß sie im Unterricht vor allem das äußern, was von ihnen erwartet wird und nur untereinander das, was sie wirklich denken. Das war früher möglicherweise sogar noch schlimmer.

Wen wundert´s, dass selbständiges Denken in der Schule sehr stark vom jeweiligen Lehrer abhängt, davon, was er verlangt, zulässt oder auch verkraftet. Da äußern sich Schüler auch schon mal kritisch, weil’s der Lehrer halt gern sieht, ohne dass sie es selbst so kritisch sehen. Jede und jeder will schließlich nicht nur gute Noten bekommen, er braucht sie auch.

Möglicherweise war das immer schon so, auch zu meiner Zeit, und ich hab´s nur vergessen.

Aber überrascht hat mich das Ausmaß der Aversion gegen die „Schule“ schon, der Unlust am Lernen und der vielen kleinen und großen Fluchten in die „Freizeit“. Klar, das wird auch „von außen“ stimuliert, nicht zuletzt von den Medien. Schließlich sind „junge Erwachsene“ die wichtigste Zielgruppe der Werbung und der Unterhaltungsindustrie. Aber das ist es nicht allein, es handelt sich auch nicht nur um eine vorübergehende modische Attitüde und es liegt auch nicht vorrangig an den Lehrern.

Soweit ich es beurteilen kann, gibt es am Ludwig-Marum-Gymnasium wie an allen Schulen und zu allen Zeiten gute und schlechte Lehrerinnen und Lehrer. Es gibt die, denen es vor allem um die genaue Einhaltung der Lehrpläne geht, es gibt die, denen es nur um „ihr Fach“ geht und es gibt die, denen es um die Schüler geht. Die Zufriedenheit mit der Schule und den Lehrern war in der Klasse, die ich begleitet habe, jedenfalls recht groß - unter den gegebenen Umständen.

Deutsch-Abi

Die „gegebenen Umstände“ für Abiturienten 2008

Möglicherweise sind sie ja das Problem für Schüler und Lehrer.

Als ich „in grauer Vorzeit“ mein Abitur machte, ging es mir - aber auch den meisten Mitschülern - vor allem darum, die „Reifeprüfung“ zu bestehen, möglichst in allen Fächern besser als ausreichend, um danach studieren zu können. Von heute aus betrachtet war das Abitur weniger eine Prüfung in den einzelnen Fächern, als vielmehr ein Initiationsritus, ein Test der Belastbarkeit, verbunden mit dem Attest, daß ich mich mit einigen allgemein anerkannten Kulturtechniken erfolgreich befasst hatte. Das Abi war die Eintrittskarte in die gebildete Mittelschicht. Was auf dem Ticket stand geriet bald in Vergessenheit, hat dann höchstens noch den einen oder anderen Personalchef zum Lächeln gebracht. Für mich spielten die Noten keine so große Rolle, schließlich hatte ich nicht vor, Medizin zu studieren. Ich wusste, daß ich mit bestandenem Abitur auf jeden Fall etwas werden konnte, mir standen damit Türen offen. Viele Türen, das glaubte ich damals. In der Realität war es dann nicht ganz so einfach.

Beim heutigen Abitur scheint das nicht mehr so zu sein, möglicherweise sind die Noten deshalb wichtiger denn je. Der Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt und der Konkurrenzkampf in einer globalisierten Wirtschaft strahlen immer früher auf die Schule aus. „Ökonomie“, der Markt und die gerade aktuellen Erfordernisse der Wirtschaft sind das, was immer stärker zählt? Messbare und verwertbare Bildung, sogenannte „Bildungsstandards“, darüber wird wenigstens noch geredet. Aber über „Bildung“, was soll das denn sein?

In den letzten beiden Schuljahren vor dem Abitur sind Noten-Punkte die knallharte Währung, um die sich in der Schule alles dreht, das Zaumzeug um die Lern-Unlust der Schüler zu zügeln. Das liegt nicht an den Lehrern, deren Spielraum immer enger wird. Viele sehen sich angesichts des immer füheren Konkurrenzkampfes sogar als Verbündete der Schüler. Es liegt an der Stofffülle der Lehrpläne, die vieles bis ins Detail vorschreiben, und es liegt am „Zentralabitur“, dass als Mythos über allem schwebt und alle über den gleichen Leisten spannt.

Ich bin mir übrigens nicht sicher, ob es nun ein Vorteil oder ein Nachteil ist, daß das Abitur sich über die letzten zwei Schuljahre hinzieht. Einerseits wird damit das Risiko gestreut, wie bei einer guten Kapitalanlage, andererseits wird der Prüfungsdruck damit auf zwei Jahre verteilt, in denen es fast nur noch darum geht zu akkumulieren, wie Kapital als das Maß aller Dinge: Prüfungswissen, Stunden und Punkte.

Das Planziel scheint mir der für den globalen Markt vorgefertigte Schüler zu sein, ein Pisa-kompatible Bildungs-Produkt Der Hebel dazu ist das Punkte-Konto. Steht es mit genügend Fächern im Haben, dann besteht er, steht es bei zu vielen Fächern im Soll oder liegt ihm ein Fach überhaupt nicht und er macht darin keinen Punkt, dann scheitert er.

Jeder hat sein Konto wie eine Gewinn- und Verlustrechnung zu führen, sein Leistungs- wie sein Zeitkonto. Aber dahinter steht eine fremdbestimmte Investition, denn der Fächer-Rahmen ist vorgegeben und lässt im Kern wenig Wahl-Möglichkeiten zu, auch wenn er viele vorgaukelt und die Erfüllung aller Bedingungen peinlich genau vorschreibt.

Eine Wissenschaft für sich: Es gibt soviel zu kalkulieren und zu berechnen, daß weder Lehrer noch Schüler, von den Eltern gar nicht zu reden, ohne die entsprechende Software den Überblick behalten. Vielleicht sollte man mal die Diskusion über die Einkommens- steuererklärung auf dem Bierdeckel auf die Bildungspläne anwenden.

Ganz hoch im Kurs steht Mathematik. Es ist, auf hohem Niveau, für alle Pflicht, auch für Nicht-Mathematik-Begabte. Schließlich ist es die Grundlage für die Naturwissenschaften und Deutschland hat gerade in Mathe bei Pisa schlecht abgeschnitten. Deutsch ist Pflicht, ok. Die zentralen Welt-Sprachen kommen auch noch ganz gewichtig weg, braucht man ja auf den Weltmärkten, Geschichte, Religion, Musik Kunst und Soziales fallen schon eher unter die Räder, besser die „Neigungsfächer“.

Für all das kann man Argumente und Gegenargumente finden. Unabhängig davon bleibt meines Erachtens für die Selbsterfahrung der Schüler, die Selbstbestimmung und das Wecken von Lernbegeisterung zu wenig Raum. Der „Nürnberger Trichter“ scheint sein Comeback zu feiern, es scheint die Ultima ratio der modernen Bildungspolitik zu sein. Mit G8 wird dies möglicherweise noch schlimmer, aber eine Tendenz ist es schon heute.

Heraus kommt, was verlangt wird: die Schülerinnen und Schüler sind eifrig damit beschäftigt zu rechnen und zu berechnen. Sie kalkulieren wie viele Fehlstunden sie sich „leisten“, welches Fach sie „abschreiben“ können, welches mit geringstem „Aufwand“ den größten „Ertrag“ bringt.

Bildungsökonomie statt Bildung. Zum Glück halten viele Schüler, Lehrer oder Eltern noch dagegen. Punkte gibt’s dafür allerdings keine.

Und die Anforderungen steigen. Wenn ich mir beispielsweise die Abi-Prüfungen in Mathematik in den letzten Jahren anschaue, kommt unwillkürlich der Verdacht auf, daß da an der Prüfungsschraube gedreht wurde, um die Bildungs-Standards anzuheben. Ein Wink an die Lehrer und eine Warnung für den nächsten Abiturienten-Jahrgang. Schließlich fehlen Ingenieure in Deutschland.

War´s früher besser?

Einiges war anders, vieles ähnlich. Auch wir haben wenig Stoff für´s Leben und viel für die Schule und die Prüfungen gelernt. Den Abi-Stress gab es glücklicherweise erst zum Schluß, er setzte nicht schon zwei Jahre vorher ein. Erst mit dem Abi saß uns der Druck im Nacken, zu wenig gelernt zu haben und möglicherweise das Falsche. Wir hatten weniger Ablenkungsmöglichkeiten in der Freizeit, dafür gab es mehr freie Zeit. Es gab die große Aufregung kurz vor der Prüfung und die Erleichterung danach. Auch von uns wussten damals die wenigsten schon so ganz genau, wie es danach weitergeht. Das wurde aber auch nicht so enorm wichtig genommen. Vielleicht war alles ein bisschen übersichtlicher. Gutbürgerlich war gefragt, nicht Fast Food. Der wichtigste Eindruck im Rückblick: Unsere Zeit war nicht so verplant und es wurde nicht so viel so schnell abgehandelt, als gälte es, neue Rekorde aufzustellen. Es blieb mehr freie Zeit außerhalb der Schule. Zeit für Freunde und die Familie, Zeit für Hobbies, Zeit zum Entspannen - und zum Lernen.

Musik, Kunst und Sport führten auch bei uns im Lehrplan ein Schattendasein, umso mehr, je näher das Abitur kam. Aber im Nachhinein betrachtet hat gerade der Kunstunterricht mein Leben nachhaltiger geprägt als jedes andere Fach, besser gesagt unsere Kunstlehrerin. Leider habe ich ihr das nie gesagt, weil es mir erst aufging, als sie schon gestorben war.

Ihrem Vertrauen verdanke ich sehr viel. Sie war als Lehrerin anerkennend, wohlwollend und kritisch zugleich. Sie hat auch mal Fünfe gerade hat sein lassen und die Noten höchstens benutzt , um mich positiv zu motivieren, nicht um mit mir abzurechnen. Letztlich war sie es, die in mir die lebenslange Freude am Gestalten und die Liebe zur Kunst geweckt und gefördert hat. Beide sind bis heute für mich eine Quelle der Fantasie und der Kreativität. Eine Quelle, die nie versiegt ist und die gerade in persönlich wie beruflich schwierigen Zeiten besonders gesprudelt hat. Im Vergleich dazu sind alle anderen Fächer wie auch alle anderen Lehrer längst zur Episode verblasst.

Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass Kunst als Hauptfach mit strengen Anforderungen und großer Wichtigkeit für das Zeugnis nicht die gleiche Wirkung auf mich gehabt hätte.

Drei Umstände waren entscheident für mein Interesse am Kunstunterricht:

  1. das Fach, das mich als Fach und nicht um eine gute Note zu bekommen fasziniert hat,
  2. eine Lehrerin, die mich gefördert hat und
  3. der Freiraum in dem das alles geschah.

Eine Schule ohne solche Freiräume kann sich noch so sehr den „mündigen Schüler“ als Ziel setzen, sie arbeitet zwangsläufig dagegen.

Freiräume

Freiräume lassen sich nicht in Bildungsparagraphen fassen und zentral verordnen, die Schwierigkeit seh ich wohl.

Solche Freiräume sind von den konkreten Umständen vor Ort und vor allem von den konkreten Menschen abhängig:

  • von einer offenen Schule, nicht autoritär und nicht naiv,

  • von Lehrern, die sich vor allem als Pädagogen und nicht als „Stoffvermittler begreifen,

  • von Eltern, die ihre Aufmerksamkeit auf mehr als nur einen vermeintlich „sicheren“ Beruf für ihre Kinder richten,

  • und nicht zuletzt auch von Schülern, die ihren eigenen Weg suchen und dem bequemsten und „sichersten“ Weg wenigstens gelegentlich widerstehen.

Solche Freiräume führen nicht kurzfristig zum Erfolg, sie sind schon gar nicht kurzfristig rentabel, weder für den einzelnen, noch für die Gesellschaft, noch für die Wirtschaft.

Trotzdem muß die Bildungspolitik, müssen die Schulen solche Frei- und Spielräume ermöglichen, wollen sie Keime legen für die Freude am Lernen und für die Freude am Lehren .

Dafür muss allerdings auch ein öffentliches und ein schulisches Klima vorhanden sein, dafür sind politische Signale notwendig, sonst wird´s subversiv. Solche Freiräume entstehen auch nicht von selbst, man muss sie schaffen, hegen und pflegen wie einen offenen Garten, nicht wie eine Monokultur oder einen Gen-Park. Dann gedeihen auch vielfältige, gesunde und widerstandfähige Pflanzen aller Art, die, jede für sich, die Welt bereichern.

Ich habe den Eindruck, daß die Bereitschaft zu solchen Freiräume am Ludwig-Marum-Gymnasium noch vorhanden ist, vielleicht mehr als an manch anderer Schule. Deshalb ist die Dokumentation auch dort entstanden. Ich habe nur offene Türen aufgestoßen: bei der Schulleitung, den Lehrern, den Schülern und den Eltern. Anders wäre dieses sensible Projekt auch nicht zu realisieren gewesen. Es ging nur auf einer Vertrauensbasis mit hohem Vertrauensvorschuss – ein Freiraum eben.

Aber wie lange lassen Zeitgeist und bildungspolitische Rahmenbedingungen dem LMG überhaupt noch den Freiraum für Freiräume. Wie lange finden sich noch genügend Lehrer, die sich für solche Spielräume stark machen und genug Schüler, die solche Spielräume nutzen? Ich hoffe noch sehr lange.

Die Sendung

Ach ja, die Sendung. Die Jahres-Reportage „Endlich Abi – das Jahr der Reifeprüfung“ ist zu sehen

  • am 27. Juni um 18.15 Uhr im SWR Fernsehen (30 Minuten) und
  • am 3. September um 21.00 Uhr in 3sat (60 Minuten)

Walter L. Brähler

Fernsehjournalist